2.1.06

Es ist die Zeit der kurzen Tage, der langen Nächte, in denen draußen die Lichter zittern vor Kälte, in denen die Luft erfroren ist und starr. Die Zeit, um in ein Feuer zu starren, um große Reden zu schwingen, um ganz langsam, dampfend am Ofen aufzutauen.
In dieser Zeit sitzt man abends auch mal zuhause, und hat nichts, aber auch garnichts Sinnvolles zu tun. Frisch geschniegelt und gebügelt, abfahrbereit. Aber allein.
Und dann sitzt man da und starrt durchs Fenster hinaus in die Nacht, die hier draußen noch wirklich Nacht ist, und zieht an einer Zigarette, die man eigentlich überhaupt nicht raucht, und man weiß genau, dies ist eine dieser verdammten Nächte, in denen man sich allein zuhause betrinkt, bis zur Bewußtlosigkeit vielleicht, bis zur Gefühlstaubheit in jedem Fall. Keine Musik könnte die Stille füllen, kein Bild könnte Dein Spiegelbild im Fenster überzeichnen.
Durch den Fensterspalt drückt die Kälte herein, vielleicht flieht auch nur die Wärme. Deine Hände werden kalt, und irgendwann gefühllos. Gegenüber erheben sich zwei Schatten vor dem Flackern des Fernsehbildes, der Fernseher erlischt, im Bad geht ein Licht an. Ein Schatten, ein zweiter. Ein Rolladen rattert herunter, ein Lichtspalt bleibt. In zehn Minuten wird auch er verschwunden sein. Ich bleibe übrig, und allein.
Vielleicht muß es so sein, denkst Du, und Jedem geht es einmal so. Aber da ist noch mehr in diesem Gefühl, unter der schützenden Decke aus Zynismus und Ignoranz, aus dem höhnischen Sich selbst Verlachen, aus dem Stell Dich nicht so an.
Du eckst an, gedanklich, und fragst Dich, wo sie geblieben sind. Die anderen, die, die Dich begleitet haben. Jeder ein Stück weit, jeder einen Teil des Wegs. Immer nebeneinander her, mal die Köpfe zusammengesteckt, mal jeder für sich in den Sielen hängend. Zieh, Scheckin, zieh. Jetzt ist der Platz neben Dir leer, Du zerrst allein an der Last Deines Lebens, hoch zur Kuppe, Gottweißwarum. Und Du fragst Dich, warum da niemand ist, und wo sie alle hingegangen sind. Du wagst nicht, daran zu denken, daß da, wohin Du gehst, vielleicht garniemand ist, daß da niemand steht und auf Dich wartet, mit warmen Worten streicheln und mit kühlen Händen den Schmerz wegwischen, der Dir heiß über die Wangen perlt. Was, wenn tatsächlich Du übrig bleibst, Nachzügler, Außenseiter? Wenn das Licht nur eine eingebrannte Täuschung auf Deiner Netzhaut ist. Wenn es wirklich keinen Unterschied macht, ob Du ziehst oder fallenlässt. Ob es in Wahrheit garnicht aufs Aussehen oder den Charakter ankommt, nicht darauf, wohin Du gehst oder was Du sagst. Nenne es Schicksal oder Zufall, oder stell Dir meinetwegen vor, daß es jemanden gibt, der nur dazu da ist, Dir Steine in den Weg oder an den Kopf zu werfen. Wenn Dein Leben nun ein Würfelbecher ist, den jemand schüttelt und absetzt. Er hebt den Becher an, und ein Licht umfängt Dich, und von oben dröhnt es, Wieder nix, verdammt. Und dann wird es wieder dunkel.
Was, wenn die beiden Anzüge verschlissen sind? Wenn das stahlgraue Malsehenwasnochkommt, und das nebelgraue Mirdochegalgehtallenmalso reif sind für die Tonne? Wagst Du Dich hinaus, nackt und bloß, oder möchtest Du drinnen sterben? Macht das noch einen Unterschied?
Was, wenn es tatsächlich Dein Fehler ist, daß Du die Welt nicht verstehst? Wenn nicht die Welt unverständlich, sondern Du unverständig bist? Uneinsichtig, tumb, unfähig? Wenn Du nie dahinterkommst, was die Menschen unterscheidet, wenn Du das Feuer zwar spüren kannst, aber nie beherrschen? Wenn die fünf Minuten, in denen ein Australian Shepherd mit Dir Ball spielt, wirklich die besten Deines Lebens waren? Was, wenn Du sie vergisst?

Es ist verdammt einsam hier draußen, zweitausendundsechs.

5 Comments:

Blogger Rohrkrieg said...

ich denke dafür gibt es einsame Momente; damit man dachdenken kann.

03 Januar, 2006 13:59  
Blogger die-kleine-anja said...

kleinesf, sie haben recht. hier ist heimat.

03 Januar, 2006 16:40  
Anonymous eric said...

es scheint das jahr des nachdenklichen jahreswechsels gewesen sein. aber das ist vielleicht besser als tumbes feiern bis ins delirium, denn dafür gibt es tausend andere anlässe, wenn man sie überhaupt braucht. klar, man könnte die beneiden, die nicht über sich, andere und das leben reflektieren mögen (oder vielleicht sogar nicht können), aber sind die nicht häufig nur gemeinsam einsam?

03 Januar, 2006 17:59  
Blogger F said...

Frau Anja, ich grinse.

Herr Jim, wer ist "man"?

04 Januar, 2006 10:07  
Anonymous schoko-bella said...

eric mal wieder:
"aber sind die nicht häufig nur gemeinsam einsam?"
genauso ist es!

06 Januar, 2006 12:59  

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