25.1.06

Amerika also. Alabama. Die Erdnusstadt?

Das Extremstreiten mit Dir fehlt mir auch. Ich nehme das als Kompliment. Darf ich. Wir waren laut, nicht? Ich habe mir nie mehr mein Hemd heruntergerissen vor Zorn, und mitten in einer Wirtschaft. Du hast mich immer furchtbar aufgeregt.
Ich hab Dich mal offiziell für tot erklärt, wußtest Du das?
Jetzt gehst Du endgültig. Dich herzugeben macht viel weniger Spaß, wenn ich es nicht mehr rückgängig machen kann.
Tut mir leid, was damals im Fahrradkeller passiert ist.
Den schönsten Badeanzug hattest Du immer. Erinnerst Du Dich an diesen Sommer? Bastmatten mit der Lupe angebrannt, die Haare mit diesem weißen Band zusammengebunden. Im Sommer hattest Du immer hellere Haare, früher. Und als er sich den Kopf am Beckenrand aufgeschlagen hatte!
Meine erste Liebeserklärung, vermutlich. In diesem blöden VW-Bus. Ich saß mit dem Rücken zu Dir, und hab ganz leise geredet. Hat wohl nicht sollen sein. Und der Abend, den wir in dieser Nische verbracht hatten. Ich lag ganz still neben Dir. Und Du hast ins Dunkel geredet. Wir mußten ja um zwölf zuhause sein.
Du hast manchmal dafür gesorgt, daß ich nach Hause kam, wenn mich wieder niemand mitnehmen wollte. Ich hab mich auf Deinen Roller gesetzt, Du Dich an die Straße gestellt. Jacke auf, das erste Auto hielt.
Ich wollte Dich noch zu dem Kirchturm fahren, den wir gesehen hatten. Von oben, von der Ruine herab. Weshalb waren wir da? Nach dem Turmspringer, der mich so aufgewühlt hat? Oder einfach so? Ich glaube es fast, wir hatten das Cabriolet dabei. Und Erdbeeren, Sahne und Deine beste Freundin. Und diese tolle karierte Decke. Deine Beine links und rechts von meinem Kopf, und die Ruhe, die ich plötzlich empfand. Schäfchenwolken. Wir waren nie wieder da oben, haben nie wieder über den nächsten Ausflug geredet.
Frankreich! Der Marktplatz, alle zuhause, nur wir beide. Du hast Dich in jedem Spiegel betrachtet, ich auch so. Arm in Arm. Ich hab was über Deinen Hintern gesagt. Ganz unglückliche Geschichte das. Längst verziehen.
Die lebenden Buchstaben auf der Hütte, Deine Muskeln unter der glatten Haut, Deine Fingernägel in meinem Arm. Dann das falsche Bett, die falsche Frau, das Kuscheltier, nur ein Schlafsack, alles nicht so schlimm, nichts passiert.
Die Nacht vor der Prüfung, Nervosität, der Vorhang an Deinem Fenster wogt, Licht von der Schreibtischlampe. Die Discokugel haben wir Dir nie geschenkt. Horrorfilme in Deinem Wohnzimmer, das seltsame Theaterstück. Ich habe geredet, Du hast gespielt. Jeder, was er kann. Ach ja, Theater! Das Musical! Dein Tanz, und niemand hinter der Schattenwand. Nur Du und ich. Ich war ja Techniker.
Hab Dich immer mal wieder verärgert. Tut mir leid. Ich trinke einen Amaretto-Apfel auf Dich. Jetzt kann ich Dich nicht mehr mal eben so anrufen, mal eine Stunde.
Du hast Dich mal beklagt, ich wollte nicht mit Dir telefonieren. Ich wußte doch nichts zu sagen! Ich habe Listen gemacht, abgehakt, angesprochen. Und dann Schweigen.
Weshalb läufts jetzt wieder, mit dem Bauern und der Medizinerin? Wenn ich mal wieder mein Fleisch in Fetzen sehe, denke ich dran, wie Du den Kopf schütteln würdest. Kleiner, würdest Du sagen, nicht schon wieder. Und ich zucke wieder die Schultern und grinse, tropfe noch ein wenig auf den Boden, während Du das Kommando übernimmst, klebst, verbindest und heilst.
Oh, und wie grantig Du warst, als ich nicht erschienen bin. Und wie geknickt, als Du davon erfahren hast. Schokolade hast Du mir mitgebracht, und beim Wichteln mal einen Aufsteckradiergummi. Ein Troll - ich hab ihn gehasst. Aber benutzt.
Du warst mal zufällig bei meinem Geburtstag, hast ein Buch zurückgebracht. Ich wäre fast geplatzt vor Freude, Damenbesuch am Abend, vor voller Belegschaft! Du warst souverän, hast es ihnen gezeigt. Ich werde heute noch jedes Jahr an meinem Geburtstag nach Dir gefragt.
Ich hab noch ein Foto von Dir. Als Kind auf dem Auto, das mal Dein erstes werden würde. Bei mir auf dem Sofa, in der Tür, mit Zigarette, mit Telefon. Eines im vollen Schwung, Treppen hoch, Haare wehend, Augenblitz. Mein liebstes. Klassenfoto? Hände in den Taschen, Schlüsselanhänger, später zerfetzte Hosen, noch später nobel, mit Deiner Nachbarin quatschend. Am Ende auf meinem Anänger sitzend, Beinebaumeln, daneben ich, grobe Schuhe, grober Klotz.

Wie spät ist es in Alabama? Wann landet Dein Flieger? Ich ruf Dich an.

7 Comments:

Blogger Bloggsberg said...

Muss es ein Abschied für immer sein?

26 Januar, 2006 07:02  
Anonymous schoko-bella said...

ich steig nicht ganz durch, aber der text hat viele parallelen zu meinem leben. schön geschrieben, wer auch immer sie ist...

30 Januar, 2006 11:24  
Blogger F said...

"Ich ruf dich an" auf amerikanisch oder auf französisch.

31 Januar, 2006 13:45  
Blogger texas-jim said...

Bloggsberg, solange keine Brücke über den Atlantik führt, trennt uns das Leben. (Oh, das war Kitsch. `Schuldigung.)

Bella, das ist einfach nur alles, was mir in den ersten Minuten durch den Kopf schoß. Sie ist das, was von einem Traum übrigbleibt, wenn man aufwacht, weil einen die Sonne kitzelt. Ich denke, das trifft es recht gut.

KleinesF, ich werde es mal mit Schwäbisch versuchen. Einen "Französischen" haben wir nicht nötig. Und amerikanisch ist wohl, irgendwo einzufallen, ein Land zu besetzen und Frittenbuden einzuführen?

31 Januar, 2006 14:31  
Blogger F said...

Amerikanisch heisst es, ich rufe nie wieder an, Französisch, ich rufe auf jeden Fall an.

"Why we fight" gesehen?

01 Februar, 2006 09:00  
Blogger F said...

Ich hab´s nochmal gelesen. Ich sollte mich beim Kommentieren mehr konzentrieren. Wie früher.

01 Februar, 2006 09:04  
Blogger texas-jim said...

Mißverständnis, großes! Hierzulande macht man einen "Französischen", wenn man abhaut, ohne sein Bier auszutrinken. Soll heißen, jedermann erwartet einen zurück.
Kein Fernsehen gestern. Vier Menschen am Küchentisch sind eine Welt.

"Amerikaner" sind Gebäckstücke.

01 Februar, 2006 13:35  

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