Die Ukrainerin gestern abend.
Plötzlich saß sie da, aufmerksam, ruhig, fröhlich. Ich redete mit ihr, weil sie mir die Sicht auf den Fernseher versperrte, und ich zu höflich und zu bequem war, um dauernd an ihr vorbeizuschauen. Außerdem war mir das Bild, das ich abgab, mit Bier und Fernbedienung vor der Kiste zu sitzen und einem Lederball hinterherzustarren, schon ein wenig unangenehm.
Sie studiert Psychologie in Odessa, hat einen Namen, den ich schon wieder vergessen habe, ist klein, überaus gewitzt und schlagfertig, und möchte mich nach eigenem Bekunden nicht heiraten. "Macht nix", tröstete sie mich, "ich habe eine Schwester." Die leider den Nachteil hat, momentan in der Ukraine zu weilen, und außerdem fünfzehn zu sein. Ich hinterließ trotzdem meine Nummer, drei Jahre sind schnell vorbei, und "bei uns in der Ukraine ist das nicht so streng."
Ich habe wohl in etwa dasselbe Fragezeichen im Gesicht getragen wie sie, als ich ihr erklärte, daß man als Ausländer in der Ukraine keinen Boden kaufen darf.
"Natürlich, alle Touristen tun das!" Ich erklärte, daß Heilerde für mich nicht in Tütchen passt, sondern hektarweise verabreicht werden muß. Und ich schwärmte davon, glühweinumwölkt und zu diesen knitzen Scherzen aufgelegt, die mehr als nur ein Körnchen Wahrheit enthalten, ich schwärmte also, daß ich dort Boden kaufen könnte, zehntausend Hektar, so für den Anfang. Und ich träumte von endlosen Weizenfeldern, von klirrend kalten Nächten auf dem Pflug, während sie gegenhielt, daß es dort auch mal keinen Strom gebe, und kein fließendes Wasser. Tolles Stichwort, so sponn ich von einer Biogasanlage, um die nächstgrößere Stadt zu versorgen.
"Hundert Kilometer weg, oder sogar zweihundert." - Um so besser, jeweiterjelieber, ein wenig Übertreibung verdeutlicht den Standpunkt. Sie lachte, und verstand.
Sie rückte ein wenig von mir ab, sodaß ich wieder auf den Fernseher hätte schauen können. Allerdings war ich bereits so in meiner Spinnerei gefangen, daß ich nur noch am Rande ihre antipodische Spinnerei wahrnahm. Es schien ihr zu gefallen, und so erzählte sie von dem Haus, das sie einmal hier haben möchte, von einer Praxis und einem Mercedes. Trac, schrie ich, und SL, rief sie. Wir schaukelten uns gegenseitig auf, heizten uns an, und meine Hand begann zu brennen, sobald ihre Finger sie berührten. Und wir hätten glatt noch Brüderschaft getrunken, nachdem wir die Völkerverständigung ja bereits begossen hatten, wenn uns nicht der Gühwein ausgegangen wäre, und ihr Freund, der immer wieder ihre Hand gepackt hatte, damit sie ihm nicht vollends entglitt, nicht zum Aufbruch gemahnt hätte.
"Grüß Deine Schwester!" rief ich ihr nach, als sie zur Tür ging. Sie drehte sich auf dem Absatz herum und blitzte mich an. Dann nahm sie meinen Kopf in ihre Hände, verwuschelte mein Haar und sagte ein paar Worte auf Ukrainisch, bevor sie mich küsste. Sie ging, ohne noch etwas zu sagen.
Teufel, können die Ukrainerinnen trinken, dachte ich noch, und Wo war jetzt die Fernbedienung?. Durchs Küchenfenster sah ich, wie ihr Freund draußen wild gestikulierte. Sie schien kein bißchen zu schwanken, und daß sie ein ganz klein wenig verschwommen war, könnte auch an mir gelegen haben. Ich hörte sie lachen, kehlig, wie ihre Sprache, ihr Gesicht schien zu leuchten, so lachte sie. Dann verschwand sie, und nahm ihr Lachen mit, ohne daß ich ein Echo hätte erhaschen können. Nichts von ihr schwebte noch in der Luft, daß Kratzen der Absätze, wenn sie auf ihrem Stuhl zurückgelehnt balanciert hatte, das Knistern, wenn sie ihr schwarzes Haar zurückstrich, sie nahm alles mit. Sogar ihr Duft verflog, als ich ihrer Stimme nachspürend das Fenster einen Spalt öffnete.
Nur der Zettel mit meiner Nummer, hastig abgerissen und bekritzelt, lag noch auf dem Tisch in einer kleinen Pfütze längst erkalteten Gühweins.
Schalke hat auch verloren.