Sturzbetrunken in dieser Kneipe, bis sie uns rausgeworfen haben. Zumachen wollten die - um drei! Mit einem Brummschädel aufgewacht - viel zu spät, zu hell, zu laut. Die riesige Spinne im Schuh rechtzeitig gesehen und ihr gut zugeredet, sich doch nicht so zu gefährden. Beim ersten Wort den Kopf vorsichtig in die Hände legen und ganz sanft prüfen, wie groß die Risse sind. Aufstehen, sich eine halbe Stunde in eine Vorlesung qälen, das große Grauen überfällt mich, also gehe ich wieder. Die fleißigen Schreiberlinge sehen mich komisch an, als ich am Türrahmen hängenbleibe und in den Flur hinaustaumle. Ich knalle die Tür zu und lehne mich an die Wand. Mein Pullover riecht nach Rauch und irgendwie nach Wodka. Mir wird übel, die Welt tritt ein wenig zurück und grinst höhnisch. Irgendjemand labert mich von der Seite an, ich verstehe nichts und antworte auch nicht.
Die Klinke an der Badezimmertür zuhause ist so liebenswert kalt, daß ich meinen Kopf dranhalten möchte. Mache ich nicht, bücken wäre zu gefährlich. Ich ertrinke beinahe unterm Wasserhanh, meine Haare tropfen mir in den Kragen, als ich mich vorsichtig wieder aufrichte. Ich muß mich am Waschbecken festhalten.
Das Telefon brüllt - ich nehme ab. Mein Vetter erzählt etwas von Sparren, die ich ihm morgen irgendwohin tragen soll; ich sage zu und vergesse auf der Stelle die abgemachte Uhrzeit. "Meld Dich morgen früh nochmal!" sage ich und lege auf, weil im Hintergrund schon der nächste durchklingelt. "Ja?" krächze ich einfach, weil ich meinen Namen nicht mehr hundertprozentig weiß und das Display, das den Namen des Anrufers anzeigt, kann ich sowieso grad nicht ablesen. Cousinchen istd ran - wie nett. Wie es geht (bescheiden), was denn so läuft (ich - und zwar davon), ob es wo brennt (in meiner Kehle), und so weiter. Ich unterbreche und bitte sie, gleich zur Sache zu kommen - Lieder schneiden für die Tanzgruppe. Von mir aus, wann muß es fertig sein? Samstag, soso, ist ja nicht erst morgen. Und per Mail kann sie mir das auch nicht schicken, vortanzen muß sein. Damit ich die Takte zählen kann und so. Ich frage mich zwar, wie die schon drei Wochen proben können, wenn sie nicht einmal ihre Schritte und Takte kennen, aber den Tanzgruppenmädels mal wieder zuschauen zu dürfen hellt meinen Tag ein wenig auf. Ich frage, ob J. wieder dabei ist, und ernte ein Kopfschütteln durch den Telefonhörer. Die Kindergruppe hat sie gemeint. Isjatoll, nuschle ich, und der Tag wird wieder düster. Aber für die Mädels könne ich das auch machen, wenn ich schon danach fragen würde - nur haben die ihre Takte schon. Auch egal, ich sage einfach zu, irgendwie werd ich das schon alles schaffen. Schönen Dank, Wiedersehen und so, Gruß an J. und ich falle kurz in einen Traum, in dem J., die Unkleidekabine und ein Duschkopf die Hauptrollen spielen, bis sich die Dicke in meinen Traum wälzt und ich aufschrecke, die Hand schon am Mund, nur zur Sicherheit. Mir ist wieder übel.
Ich hänge das Telefon ans Ladegerät, weil es fiept und blökt und blinkt. Und Fiepen und Blöken und Blinken kann ich gerade so garnicht ertragen. Aufhören tut es freilich nicht, also klemme ich ein Auge zu und zwinkere solange mit dem anderen, bis ich halbwegs scharf sehe, was gespielt wird. Ich lese also die Kurznachricht von meiner Nachhilfeschülerin und sage spontan für Samstag zu, wirdschonirgendwiegehen. Schwupp und weg - meine Mutter wird sich über meine Zusage sicher freuen. Also nochmal tippen und an die richtige Nummer gesendet. Schwuppundweg - wie meine Zeit. Ich tippere noch eine Nachricht hinterher, wegen dem Kapitel und so, weil ein wenig Vorbereitung würde mir sicher auch nicht schaden. Und noch eine, weil meine Mutter sich sonst wundert, warum ich mich morgen mittag um drei denn um sie kümmern will. Verfluchte Schreiberei - hätte ich mal bloß nur Ja getippt. Oder besser Nein, wasauchimmer. Das Telefon bewegt sich, und ich lasse es fallen. Mich erst zu erschrecken, und dann auch noch zu brüllen beginnen, das haben wir gerne. Ich gehe also wieder ran, und halte das Telefon sofort auf Armeslänge weg von mir. Zu spät - jetzt klingelt es lustig in meinem rechten Ohr. Ich wechsle also die Telefonierseite zum linken Ohr und fange an, zu erklären, warum der Weihnachtsbrief für den Chef noch nicht fertig ist (Photoshop!), welche Schicht ich am Wochenende fahren möchte (garkeine!) und warum ich trotzdem die Nachtschicht nehme (Feigling!). Schreinichso, murmle ich noch, und lege auf. Noch kurz T. und ihren Vater anrufen, aber schön getrennt, wie es sich gehört, dem Vater für Sonntag zusagen; Ja, Waldhose bringe ich mit; Bescheinigung vom Sägenlehrgang hab ich sicher noch irgendwo; Nein, ich übernachte nicht, fahre lieber nach Hause; Nein, T. und ich haben uns nicht gestritten, aber auch noch nicht alles geklärt, was zum Übernachten gehören würde; Ja, ich beeile mich damit, schöne Mädchen warten nicht, obwohl ich doch ganz nett auf den Betrieb passen würde; Ja, ich sehe das mal als Kompliment, und daß er seine Tochter für meine Arbeitskraft verkauft ist schließlich sein Ding; Sie wird es schon sagen, wenn es ihr nicht passt; Kochen tut sie ja ganz passabel, manchmal eben auch vor Wut; Kupferdächlein sind so, sagt er, die Mutter war genauso; Zähmen müsse man die, Kandare und Zügel, Zuckerbrot und Peitsche. Beim Gedanken an ein Zuckerbrot beginne ich zu würgen und verabschiede mich eher undeutlich, dafür flott.
T. hat grade eine Hand frei für mich, also telefonieren wir; Ja, Samstag ist ganz voll bei mir; Macht nix, sagt sie, ob sie es so meint, weiß ich nicht, geknallt hat sie mir schonmal eine, muß ja nicht zur Dauereinrichtung werden, sowas, denke ich; Scheckin, sage ich, weil sich Spätzchen im Schwäbischen nach Nudeln anhört, und ich grade nicht ans Essen denken will; Scheckin also, Samstagabend komm ich; Gemütlich, sage ich, denke an das Sofa, den Fernseher und eine warme Schulter; Geburtstag schreit sie, da müssen wir hin; Na toll, denke ich, Fußballweiber haben immer dicke Waden und blaue Flecken, muß man nicht jeden Tag haben, und nicht fünfzehn Stück auf einem Haufen; Freut mich, sage ich und schneide eine Grimasse - sehen kann sie mich ja nicht; Sonntag gehen wir joggen - oh ja! ganz toll, heuchle ich und traue mich nicht zu sagen, daß mich ihr Vater für Sonntag schon in Beschlag genommen hat; Ich fasse mir ein Herz und hole Luft; Ich muß wieder los, mein Chef kommt, sagt sie da, und ich verschlucke mich fast an der vielen Luft, und das Herz rutscht mir wieder aus der Hand und in die Hose; Ciao, Scheckin, sage ich, mehr wäre blöd, und blöd bin ich zwar immer, aber immer irgendwie ungern; Ich koche, sagt sie noch, und das freut mich wirklich, weil Kochen ist irgendwie der Heiratsantrag einer Frau, und sowas hört man ja gerne, da heiratet es sich doch gleich viel leichter, vielleicht nicht heute, morgen früh ist auch noch ein Tag. Kriegen wir schon irgendwie.
Ich schaue auf den Kalender, und brülle Scheiße, weil für Samstagabend das Fest mit S. eingetragen ist, Helferfest von irgendeinem anderen Fest; Redundanz! denke ich noch; Natürlich mit Begleitung, und ich habe ihr schon lange zugesagt, weil man sich ja nur am Wochenende sieht und ihr Freund keine Lust auf das Helferfest hat, also muß ich da mit, weil alle in Begleitung kommen, und ohne wäre doof und so; Essen gibt es, vegetarisch, wenn mich der Herrgott strafen will, und dann dafür nur scharfe Getränke und Palaver, von dem ich nichts verstehe, weil die hohen Töne kann ich nicht mehr so, und raus bin ich auch schon zu lange, und sowieso werde ich fahren, weil es Rama gibt, und S. und der Rama, das ist so eine Liebesgeschichte.
Egal, kriegen wir schon irgendwie, denke ich und schaue vom Kalender weg aus dem Fenster. Es schneit, bestimmt schon fünf Zentimeter hier. Zuhause womöglich schon zehn. Sommerreifen! denke ich noch, und weil ich mich so lange beherrscht habe, fluche ich dafür jetzt umso lauter, und als mir keine Flüche mehr einfallen, schlüpfe ich unter die Decke und mache das Licht aus.
(Eigentlich wollte ich nur eine ToDo-Liste schreiben)
(Halbe Sau im Dopelwecken)