
Ein Zeh gegen einen Türrahmen - das kann ja nur Ärger geben. So auch am Sonntagmorgen, als ich noch etwas desorientiert, und trotzdem überaus lebensfroh mit einem schwäbischen Äquivalent für "Fiderallalla", dem "Kreizkrabbasack, schon so spät!", aus den Bett sprang oder fiel oder so ähnlich.
Jedenfalls war der Samstagabend lang gewesen, anstrengend zudem, weil sich ein ehemals bester Freund als mieser Feigling entpuppt hatte, und ich durch die ganze Verwirrung überaus aggressiv geworden war, und nur mit der Hilfe von A. einer schmerzhaften Begegnung mit dem blondierten Lederkombiträger entging.
Ich hatte es lange einfach nicht geglaubt, hatte es ignoriert, wenn beim Sonntagsfußball nur nach meinen Knochen getreten wurde, hatte gelacht über das, was mir von dritter Seite zugetragen wurde. Bis mich eines Nachts mein Chef anrief, was denn los sei mit mir und B.
Ich wußte es nicht. Ich hätte es sehen sollen. Im Winter war ich einmal nicht mitgegangen zum Holzmachen, aus dämlichem Grund. Darauf hieß es schon, den brauchen wir nicht, mal sehen, wer wen zuerst wieder braucht. Ich organisierte die Karten für den Fasching, und da hätte ich es wieder bemerken sollen. Es haben sich alle bedankt und alle bezahlt - bis auf einen. Ich schob es auf den Alkohol, beiderseits.
Dann die langsame Ausgrenzung, keine Anrufe mehr am Samstagabend oder Sonntag, auch einmal nicht erreichbar oder abgelehnt. Ich trug es mit Humor, hatte mich ja auch eine Weile nicht gemeldet, war beschäftigt mit Arbeit und einer Rothaarigen.
In dieser Nacht allerdings dachte ich noch nach. Ich kam zu keinem Schluß, konnte mir nicht vorstellen, was ihn so auf die Palme hätte bringen können. Deshalb fragte ich ihn, ich stieg ab und fragte: "Sag mal, hast Du Händel mit mir?" - "Nein, wieso sollte ich?" - "Ich dachte nur." Für mich war der Fall schon wieder erledigt, Missverständnis, geklärt, Feierabend. Es tat mir sogar leid, gefragt zu haben.
Tags darauf arbeitete ich hinter C. Als ich kurz mit ihm redete, fragte auch er, was denn sei zwischen mir und B. Ich war baß erstaunt; nichts, sagte ich, das habe ich doch schon geklärt mit ihm. Und ich erzählte von unserem kurzen nächtlichen Wortwechsel. "Aha, so ist das also." und C. meinte weiter, B. hätte ihm erzählt von dem Gespräch. Nur der Ausgang sei anders gewesen. "Sag mal, haben wir ein Problem?" - "Ja." Es folgten noch eine Menge Anschuldigungen, aufgrund derer ich den Schwanz eingezogen hätte, einen Anschiß erster Klasse hätte ich bekommen, ganz klein mit Hut sei ich gewesen.
Ich komme mit vielen Dingen klar. Aber nicht mit Feiglingen. Ich hätte Dich nie für einen solchen gehalten. Aber jetzt wird mir vieles klar. Die Fragen von Dritten, was ich denn wieder verbockt hätte, an Tagen, an denen ich überhaupt nicht da war.
Und ich kontrolliere meine Wut immer noch. Ich weiß, daß, wenn ich sie gewähren lasse, es kein Halten mehr geben wird. Ich sehe sein Grinsen in anderem Licht, seine intrigante Lügerei, sein zweites Gesicht. Ich hasse es, wenn ich daran denke, daß ich mir für diesen Menschen die Hände blutig gearbeitet habe, daß ich weitergemacht habe, als mir das Blut schon zu den Ellenbogen hinabtropfte, daß ich Dich in das Auto von S. gesetzt habe, da Du versaut hast, daß ich Dich mitgenommen habe, als Du mein Auto versaut hast, daß ich jetzt auf meine Sachen aufpassen muß, weil Du Dich gerne gegen Dinge richtest, wenn Du mit Menschen nicht klarkommst, daß ich keine Fehler machen darf, weil Du sie mir nachtragen wirst, zur Not erfindest Du sie auch.
Und vor allem hasse ich, daß ich den Grund nicht kenne.
Im ersten Aufwallen des Zorns habe ich gekündigt - keine Minute mehr will ich mit einem Feigling zusammenarbeiten. C. soll meine Rechnung im Bauwagen zusammenzählen, keinen Fuß setze ich da mehr hinein. Scheiße ins Telefon brüllen, mit der Faust auf die Folienrollen einschlagen, nachts auf Teufel komm raus Streit mit blondierten Lederkombiträgern anfangen, den ich nur hätte verlieren können - nur Deinetwegen. Mein Chef hat mich zurückgehalten, hat nicht akzeptiert, hat vom Beitrag jedes einzelnen geredet und von seinen Plänen für den Winter. Immer wieder habe ich gesagt, was ich mir zurechtgelegt hatte, weil mir, wenn ich vor Zorn keine Luft mehr bekomme, auch nichts Sinnvolles mehr einfällt. Ich sagte, daß ich nur zu meiner Freude arbeite, daß keine Freude mehr da ist, daß ich die Sonderbehandlung, Teams zu bilden, nicht will, daß er eben einen der "Freunde" von B. einstellen soll.
Als meinen Dicken habe ich Dich geliebt, hätte mich für Dich zerreißen lassen, jetzt als Schmaler bist Du nichts mehr. Ich weiß noch nicht einmal, wie ich reagieren soll, wenn ich Dich treffe, ich müßte mich beim ersten Wort mit Zähnen und Klauen auf Dich stürzen.
Herrgott! ich habe Dich bei unseren Rangeleien losgelassen, damit Du Dein Gesicht nicht verlierst, vor den anderen, vor allem der Dame, habe mich gutmütig verlachen lassen, Du meintest es ja nicht so. Jetzt wünsche ich, ich hätte einmal, nur einmal den Schwitzkasten gehalten oder den Doppelnelson, der mir zuvor noch nie gelungen war, ich hätte Dein Gesicht den Boden schrubben lassen, hinaus auf den Boden, Türe zu und gut.
Dann hättest Du wenigstens einen Grund gehabt.
Daß Du seit einiger Zeit auf Damenjagd gehst, hat mich nicht gestört, unsere Geschmäcker waren da verschieden genug, und ich bequem genug, mich zurückzuziehen. Freundschaft für eine Frau eintauschen? Niemals! Ich trat zurück und wartete, bis morgens kurz vor sechs, als ich in den Stall mußte, und es keinen interessiert hat.
Ich weiß auch nicht, ob ich es drauf anlegen soll. Konfrontation, Aggressionen rauslassen, die Faust in das Gesicht, das ich nicht mehr sehen kann, letzter Meinungsaustausch.
Dann hättest Du wenigstens einen Grund.
Ich erinnere mich erneut, wie wir hier und dort waren, das Team, unzertrennlich, manchmal mit dem Rücken zueinander noch die Zähne gefletscht, als alles verloren schien. Im Wald, immer mit Gas, Vollgas, taube Hände, Dampf aus den Kleidern, ich drei Wecken zum Vesper, Du nur einen. Feierabendbier, Schulterklopfen, ich ruf Dich morgen an.
Du hast Doch keinen Grund.
(Mein Zeh, der eine Socke rot gefärbt hat, als er in Hektik und Zorn gegen einen Türrahmen donnerte, wird langsam schwarz. Ich habe den Nagel gespalten.
Vielleicht wird mein rotglühender Zorn irgendwann schwarze Asche, damit ich Dich wenigstens vergessen kann.)