Das hier wird jetzt ein wenig unstrukturiert, weil ich erstens noch ein wenig angesäuselt bin nach den zwei selbstgenehmigten Pilschen und der Halbe, die mir von A. aufgedrängt wurde. Aber egal, ich habe schließlich einen Voyeur zufriedenzustellen - ich sollte zum Film gehen.
Um kurz vor acht hing ich etwas planlos in der Luft. Zu spät, um mich noch in Feinwerktechnik zu vertiefen oder ins Bauhaus zu fahren, zu früh, um den Feierabend anzuerkennen. Da tauchte unser neuer "Führer" A. auf, der neue Vorstand der Jugnedinitiative. Ich druckte ihm kurz die Zettel, die er bei mir bestellt hatte, während er mein neues Wohnzimmer testete. Meinen Sessel wollte er glatt zum Vögeln ausleihen, und er bedauerte, daß ich keine Frau habe. Er ist übrigens der einzige, dem ich die annähernd ganze Geschichte von S. und mir erzählt habe. So stand er schließlich vor meinem Schrank und drehte genau die Postkarte, die ich von S. bekommen hatte. Er las, las erneut und stutzte. Er hatte meine Geschichte bisher immer für ein wenig Spinnerei gehalten, doch der Text der Karte schien ihn zu überzeugen. Ich beobachtete ihn vom Schreibtisch aus.
Wir gingen also die Schilder aufhängen, die das Frühlingsfest ankündigen. Dabei erwähnte er beiläufig, daß er heute noch im Jugendhaus sei und wir dort gemeinsam ein Bier trinken könnten. Sonst wäre ich nie dorthin gegangen. Das vermeide ich seit dem dreiundzwanzigsten Februar. Ja, genau, das ist jetzt acht Wochen her, und damit ist demnächst wieder Vollmond. Also beste Zeit für Gefühlseskalationen.
Ich saß also gegen halb zehn im Jugendhaus, trank ein Pils und schaute Fußball, diskutierte die Preise des neuen BMW Fünfer und bekam auch noch meinen Teil vom Dorfklatsch ab. Schließlich habe ich letzten Samstag für Furore gesorgt, mit einigen Bieren zuviel, und einigen Schnäpsen, die ich garnicht vertrage, Dummheiten gemacht und die Straße auf dem Heimweg in ihrer vollen Breite ausgenutzt. Mir wurst. Ich bin jung, ich bin hier, ich bin frei.
Ich hatte irgendwann am Nachmittag noch versucht, S. anzurufen, die versprochen hatte, sich bei C. zu melden (jetzt wirds verzwickt), weil es ihm gerade nicht gutgeht und ich nicht an ihn herankomme. Keiner von uns. Und wenn nicht S., wer dann? Ich erfuhr aber nichts außer daß sie nicht ans Telefon ging.
Nach dem Fußballspiel war ich am Gehen, als A. hereinschneite. Sofort kam mit Schichtplänen, Arbeitseinteilungen und Gelächter Leben in die Runde. Dann klingelte es und S. war dran. Ich stand erst da, das Telefon in der Hand, und wußte nicht weiter. Bis es den anderen zu bunt wurde und ich auf den flur gejagt wurde. Schließlich will niemand "Blinded by the light" fünfhundertmal als MIDI hören. Sie entschuldigte sich, sie sei beim Sport gewesen und wo ich denn sei und überhaupt. Ich fragte zuerst nach C., aus dem sie allerdings auch nicht allzuiviel hatte quetschen können. Womöglich bin ich der einzige, der das Bild aus "Ich gehe nicht mehr weg", "Die Weiber sollen mich in Ruhe lassen" und "Dieses Jahr fahre ich nicht für den Chef" gesehen hatte. Aber als ich alleine mit ihm gewesen war, meinte ich seine Bedrücktheit deutlich zu sehen. Wieder das, wo ich denn sei.
- Im Jugendhaus.
Stille. Aha. Nicht nur ich zähle die Tage. Nicht nur ich denke an den Vollmond.
Ich komme vorbei. Wer ist denn da?
Ich berichte und beachte die Abfolge der Sätze. Und kralle die Finger ins Türblatt, um mich am Wegrennen zu hindern. Ich will hier sein, wenn sie kommt.
Ich gehe wieder hinein. Niemand beachtet, wie lange ich weg war. Wahrscheinlich habe ich über Silage und Kühe geredet. Keiner kann mich mit ihr zusammenbringen, keiner hat diese Phantasie. Nur A. schaut fragend.
Ich hole noch ein Bier. Schaue in den Fernseher, den Schichtplan. Denke daran, daß ich neben meinen zig anderen Schichten noch eine mit ihr quetschen könnte.
Sie taucht auf. Großes Hallo, große Umarmung für ihre ehemalige Klassenkameradin. Sie setzt sich zu ihr, die beiden reden angeregt. Drei, vier stehen auf und gehen. A. schaut mich an, dann sie. Er reicht mir den Schlüssel und sagt, ich soll am Ende zuschließen. Damit muß ich auch bis zu ebendiesem bleiben. Kein Ausweg. Pflicht.
Auch A. geht, es sind nur noch A., die Klassenkameradin, S. und ich da. Ich räume Flaschen ab. Eine Nachricht trifft ein. Ausgerechnet A., die Freundin von S., die mit mir Zugfahren wollte, und bei der ich mich nicht gemeldet hatte. Ich wußte nicht, ob ihr das so wichtig war. Mit einem Gruß an S., da sie noch nicht auf dem neusten Stand der Dinge ist. Ich richtete also den Gruß aus und wurde angestarrt, wie das Männlein vom Mars. S. schaffte es tatsächlich, mir an der Bar gegenüberzusitzen und mit der Dame neben ihr zu reden, und mir trotzdem ihren Rücken zu präsentieren. Während ich noch ob dieser neuen Verblüfffung in der Geometrie einer Bar sinnierte, trug sie mir einen patzigen Gruß an A. auf. Als wäre A. in ihrer Gunst schlagaretig kilometerweit gesunken. Schließlich war eindeutig, wer sich bei wem gemeldet hatte, da mein Telefon am Abend immer seinen Platz auf der Bar hat, und ich sicher eine Stunde vorher schon nicht daran herumgespielt hatte. Ich träumte von den Möglichkleiten der Nachricht mit ZEitzünder, als sich A. an mich wandte. Auch er hatte bemerkt, daß ich aus dem Gespräch gerutscht war, und versuchte mich wieder hineinzuziehen. Zwei Frauen gegenüber fühlt er sich sicher nicht gewachsen. Ich brachte mich also ein wenig ein, um zu zeigen, daß ich in den letzten acht Wochen meinen Zorn zu kontrollieren gelernt habe. Und auch die Flaschen, die ich abräumte, klirrten nicht ob der groben Behandlung, sondern höchstens, wenn ein schiefer Ton aus meinem Pfeifermunde sie traf.
Viel zu sagen wußte ich nicht - das Gespräch blieb bei den ehemaligen Kameraden von S. Nur von ihrer Klassenkameradin wurde ich ab und an noch einbezogen, ansonsten sah ich mit A. in den Fernseher oder auf mein Telfon, wo öfters Nachrichten von A. eintrafen.
S. ging, A. und ich tranken aus, und er ging mit seiner Freundin nach Hause.
Ich schloß ab.
Und ich dachte an den Trugschluß, daß die Momente, in denen ich vor S. alles hinausschreien möchte, immer seltener würden und damit ihre Heftigkeit einbüßten. Tun sie nicht. Weder seltener noch sanfter.
Zuhause saß mein Vater noch vor dem Fernseher. Wir kamen ins Schwadronieren über Politik. Ich mußte eine krasse Position einnnehmen, von seiner ausgehend. Beinahe eine Stunde lang tobte unsere Diskussion, ich wurde global und argumentierte grundsätzlich. Ich warf ihm vor, Hintergründe nicht zu sehen. Er warf Erfahrungen und Meinungen in den Ring, Fakten, denen ich zunächst entkommen mußte, um wieder Philosophieren zu können. Wer macht was aus welchem Grund. Ganz ohne seine Frotzeleien über Rothaarige. Er weiß, wie sie mich mittlerweile treffen. Daß andere Leute nie eine Rote, und dazu eine solche!, aussperren würden, sie eher ins Haus ziehen, als ihr den Türrahmen an den Schädel zu setzen, erwähnt er nicht mehr.
Beschwingt und miteinander absolut uneinig und trotzdem beide hocherfreut gingen wir zu Bett. Naja, ich sitze ja noch hier.