(Es trifft heute beides zu.)
Heute nun will ich damit brechen.
Der Tag lief glimpflich an, das Trainigsprogramm, erweitert um zweimal fünfundzwanzig Seilsprünge, ging mir glatt von Hand und Fuß.
Ich lernte ein wenig, las mehr, und stellte mir eine neue CD zusammen (zur CD-Serie später vielleicht mehr).
Nachmkttags rief P. an, ein Kommilitone von mir, der nur auf die 4,0 lernt, nie zu Vorlesungen erscheint, und trotzdem recht erfolgreich ist. Nach einem halbstündigen Telefonat hatte er mich soweit, ihn zum Lernen und Kopieren einzuladen. Er machte mich mit absurden Aufgaben, Gleichungen und Kommentaren dermaßen wuschig, daß ich sofort hinaus musste, körperliche Betätigung suchend. Ich wuchtete also im Stall sinnloserweise herum, hängte den Futtermischwagen ab und wieder an, freute mich am Jaulen meines Rückens ob der gewuchteten Lasten, und war sinnlos zufrieden.
Ich fuhr gegen kurz nach acht zum Hof meines Onkels. Dort stand der Wagen des Tierarztes. Ich also hinein ins Getümmel von "Prostaglandin" und ähnlichem. Nach vier Trächtigkeitsuntersuchungen, die ich selbst nachvollziehen durfte (diese Lehren sind unbezahlbar!), zwei Zystenbehandlungen und einer Behandlung mit ebendiesem Prostaglandin, war der gute Tierarzt des Redens müde, mein Onkel und ich hatten uns totgelacht, und nach einem kurzen Kontrollgang durch den Stall waren wir fertig fürs Abendessen (zu deutsch: Vesper). Onkel K. ging also voraus, ich stand im Hausgang und versuchte, mich meiner Haix FireFlash zu entledigen (die geben eine extra Geschichte ab). Da stand schon schwankend S. in der Tür, die Tochter meines Onkels, etwas mehr als ein Jahr alt. Mit ausgestreckten Armen wackelte sie auf mich zu, Halt und Schutz suchend, und quietschend vor Begeisterung.
Üblicherweise bin ich bei Kindern etwas zurückhaltend, und je kleiner die Kinder, umso mehr. Man will ja nichts kaputt machen. Doch sie brach das Eis, dachte überhaupt nicht an Zurückhaltung, und warf sich sofort auf mich, mit ihrer Unnachgiebigkeit alle Bedenken wegwischend. Wir spielten beinahe eine halbe Stunde, in der ich völlig die Zeit vergaß, bevor mich Tante E. zum Essen mahnte. Ich setzte S. auf meinen Schoß, und wir aßen gemeinsam. Das verblüffte die Oma, die S. immer vergeblich zum Essen zu bewegen versucht.
Ich war in dieser Zeit einfach nur glücklich, ohne Angst ob der vermeintlichen Zerbrechlichkeit eines Kleinkindes, nur darauf bedacht, sie zum Lachen zu bringen. Meine Freude leuchtete aus meinen Augen, die ihre quietschte sie durch die ganze Küche. Und mein Onkel scheint offensichtlich einen Paten für seine Tochter gefunden zu haben. Kinder sind göttliche Wesen.
Die Nachricht von S., der großen S., wo es denn noch ein Feierabendbier gäbe, war für einen erneuten Freudenausbruch meiner Kleinen verantwortlich, kann sie zwar noch nicht lesen, erfreut sich aber umso mehr am Klingeln des Telefons und an meinem gespannten Gesichtsausdruck beim Lesen. Ich rief S. an, worauf sich unsere gemeinsame Bekannte meldete. Diese wimmelte ich recht brüsk ab, wollte ich doch die beiden S. miteinander bekannt machen. Die Kleine quäkte ein Hallole in den Hörer, die Große war ob meiner Bekundung, mit der schönsten Dame der Welt beim Vesper zu sitzen, etwas auf dem "Ööööhm"-Trip. Mit dem Versprechen, in einer halben Stunde in der JiL zu sein, endeten wir. Also machte ich mich auf den Heimweg.
In der
JiL angekommen, trank ich in gemütlicher Gesellschaft das erste Pils. (Halbe ist aus, und der Getränkewart ist im Urlaub). Nach meiner Mitteilung an S., daß ich bereits da sei, betraten sie und unsere Bekannte den Raum quasi unvermittelt, und mit einer Flasche Rama bepackt.
So blieben nach kurzer Verabschiedung S., K. und meine Wenigkeit übrig. S. stellte sich zu uns an die Bar, und fragte, ob heute Vollmond sei. Die Verständnislosigkeit K.s ließ uns nur noch lauter lachen, sind doch nur wir zwei über die Folgen des Vollmondes informiert.
Natürlich war da noch diese Flasche Rama: Wir tranken, prosteten uns zu, und es wurde immer lustiger. Bis S. anfing, ständig Kurznachrichten zu versenden, und uns deren Wortlaut zwar vorzuenthalten, den Inhalt jedoch laut zu repetieren. Außerdem machte sie sich, und das zum wiederholten Male, über meinen Stand lustig. Das alleine kann ich von ihr noch ertragen. Als sie jedoch von einer Begegnung mit S. erzählte, der sie schon einmal bedrängt hatte, ging sie zuweit. S. war ihr bereits zweimal derart nachgegangen, daß sie heulend davongelaufen war. Und jedesmal klingelte bei mir das Telefon, sie schluchzte unzusammenhängend hinein, und mein Puls raste sofort in den Drehzahlbegrenzer. Ich kann sie nicht unglücklich sehen. Daraufhin hatte ich den Kameraden, einen sehr alten Freund von mir, einmal beiseite genommen, und ihm erklärt, er habe seine Finger von ihr zu lassen. Ohne Drohungen. Einfach absolut. Seither funktioniert es halbwegs, die beiden können mittlerweile sogar miteinander reden.
Jedenfalls machte sie sich über meine Intervention lustig. Und das nicht zu knapp. Und das habe ich nun wirklich nicht verdient. Es ist nicht das öffentliche Verspotten, das mich aufregt, es ist das Verspotten an sich. Sie ist sich garnicht bewusst, wieviele Fäden ich schon gezogen habe, um für ihre Bequemlichkeit und ihr Glück zu sorgen. Und jetzt das. Mir blieb mein Lachen im Hals stecken, ich verstummte, trank mein Bier aus, und stand auf, um zu gehen. Da sie, um uns höhenmässig im Blickfeld zu haben, stehengeblieben war, trat sie nur einen Schritt zurück, und nahm eine typische Boxerhaltung ein. In solchen Momenten ist sie nicht bereit, mich gehen zu lassen. Und eine Flucht durchs Fenster wäre nun wirklich übertrieben gewesen. Ich trat einen Schritt vor, meine größere Reichweite und Höhe ausnutzend, und wollte sie etwas zur Seite schieben, um zur Tür zu kommen. Sie sah mich an, und bemerkte, daß ich richtig grantig war. Schon standen wir fauchend aneinander, weil sie mich grantig nie gehen lässt.
Ihre linke Gerade fing ich mit der Schulter, und packte ihre im Drall hilflos fuchtelnde Rechte. Normalerweise fange ich Schläge, indem ich mich beim Aufprall etwas zurückdrehe. Da ich aber wie gesagt grantig war, und keine Lust auf Sperenzchen hatte, drehte ich mich ihrem Schlag entgegen, was sie etwas aus der Koordination brachte. An ihrer Rechten, die bei Schlägen, die aus dem Körper heraus geführt werden, immer eine leichte Gegenbewegung macht, zog ich ein wenig, um die Figur ins Wanken zu bringen, und die Sache abzukürzen. Ich war weder hier, um mich schlagen zu lassen, noch um mich weiter beleidigen zu lassen. Schließlich hatte sie bereits K. von all ihren angeblich durch mich verursachten Narben in Kenntnis gesetzt, da kam es jetzt auf eine nicht mehr an. Mit einem Schwung überkreuzte ich ihre Hände, patschte diese samt anhängender Dame an die Wand, und stellte mich im rechten Winkel, etwas nach vorne gebeugt, dahinter, um mein Gewicht auf ihre Hände legen zu können. Da ihre Verblüffung langsam wich, beugte ich dem bei Damen beliebten Tritt ins männliche Allerheiligste vor, indem ich mich seitwärts stellte und nahe genug herankam, um keinen Schwung ihrerseits aufkommen zu lassen.
Als ich bemerkte, daß keinerlei Gegenwehr mehr kam, sie geradezu unschuldig an mir lehnte, ließ ich sie los, und trat zurück. In diesem Moment war mir der Abend vollends vergällt, denn ein Aufgeben ihrerseits, die sich doch stets zu wehren weiß, macht mich glauben, ich sei viel zu hart mit ihr umgesprungen. Dabei sind solche wie die eben beschriebenen Sparrings zwischen uns absolut gewöhnlich, und enden nicht selten in Blutergüssen und Zerrungen beiderseits.
Ich trat also zurück, drehte mich um zur Bar und trank mein Bier aus. K. war nett genug gewesen, noch eines aufzumachen und mir hinzuhalten. Im Verlangen, meine Aggression (Aggressionen treten bei mir auf, wenn sich jemand nicht so verhält, wie ich vermute: sie war durchaus imstande, mir durch eine Drehung oder einen Tritt Paroli zu bieten, der Griff eines halbbetrunkenen Freundes, der noch dazu nicht darauf aus ist, jemanden zu verletzen, hält sie im Üblichen beileibe nicht auf; durch ihr Nichtreagieren machte sie mich hilflos, da ich gegen Wehrlosigkeit absolut machtlos bin, und nur noch versuche, mich uneschadet zu entfernen) abzureagieren, trug ich Kisten hinaus, und vermied es, sie, die wieder lustig an der Bar saß und Rama kippte, anzusehen. Ich krempelte noch den Getränkeraum um und ging hinaus, wo beide auf mich warteten. K. war ob des plötzlichen Umschlags von einem netten Abend in einen wortlosen, eiskalten Konflikt, sprachlos. Ohne ein Wort machte ich mich auf den Heimweg, und behielt meinen Kommentar zum herabscheinenden Vollmond für mich.
Zur Ergänzung: S. macht seit Jahren TaeBo, und unser Sparring mag für Außenstehende vielleicht etwas wüst aussehen, doch verletzen wir einander nie. Ich erhebe auch nie die Hand gegen eine Dame, würde nie eine Frau berühren, die diese Berührung nicht ausdrücklich gutgeheissen hat.
Genau deshalb verstört mich ihr plötzliches Aufgeben, wo ich doch ihre körperlichen Grenzen sehr gut kenne.
Außerdem kennt sie Mittel und Wege, mich zu kontrollieren, ohne dabei handgreiflich zu werden. Und mein einziger Ausweg davor ist eben die Flucht, die sie mir unmöglich gemacht hat, indem sie sich vor die Tür stellte. Soll heißen, ich muß, will ich mich nicht ergeben, gehen, sonst bin ich machtlos, und ließe auch derartige Beschimpfungen über mich ergehen. Sie weiß sehr genau, wie sie mich kontrollieren kann. Daß sie es gegen meinen Willen tut, und ich dabei eine glühende Wut empfinde, stört sie nicht.
An Sylvester, als ich einer Bande von Störenfrieden nachging, die vor der JiL herumlungerten, und diese des Geländes verweisen wollte, war es ähnlich. Die Kerle, zu fünft, umringten mich und meinten, den starken Mann markieren zu müssen. Mit meinen Erklärungen und Bitten, das Gelände zu verlassen, war es vorbei, als sie einen Freund von mir anfingen, zwischen sich hin und her zu schubsen. Altes Spiel: Drehzahl im Begrenzer, Gehirn abgeschaltet, nach vorne stürmen, Gewalt üben, den Weg hinunter ins Gemenge. Durch den schieren körperlichen Aufprall löste sich der Menschenhaufen etwas, und ich brüllte die letzte Herausforderung.
Damals trat sie mir in den Weg, und hielt mich einfach leicht an der Hand. Ich stand, zitternd und ohne zu begreifen, was sie tat, aber ich stand. Ich konnte weder etwas sagen, noch versuchen mich loszureißen. Ich hatte das noch nie zuvor erlebt, ich war betäubt, gebannt, hatte keine Kraft mehr. In mir rumorte blinde Wut, und fand kein Ventil. Und das Schlimmste war, daß die Wut auf die Störenfriede gegenüber dem Hass auf sie zurücktrat.
Sie führte mich den Weg hinauf, langsam, ohne ein Wort, und in die Kellerbar.
Seither habe ich Angst. Angst davor, kontrolliert zu werden, Angst, was passieren kann, wenn ich einmal doch durchdrehe, und mich gegen sie wende. Lieber laufe ich davon.
Wie auch immer: Für die nächsten Tage will ich meine Ruhe, will nichts über ihre Begierden bei Vollmond wissen, ihre Begegnungen, ihre Zusammenbrüche, bei denen ich ihr wieder aufhelfen darf. Es ist allerdings unmöglich, ihr zu widerstehen, wenn ich sie sehe und mit ihr rede. Doch das lässt sich ja vermeiden. Wozu gibt es Spamfilter im Telefon?