Kieferfurnier und der Tod
niemanden, der einen Lkw fahren konnte. Ich mochte sie und das Mädel, mit dem
sie zusammenwohnte, und half ihr gerne.
So luden wir also Umzugskisten und demontierte Möbel in den Mercedes. Die
meisten Möbel waren aus ihrem Jugendzimmer und eigentlich garnicht zum
Umziehen geeignet. So vorsichtig wir sie auch abbauten, ab und an riß eine
Spanplatte auf oder mußte ein Holzdübel mit Gewalt befreit werden und ging
dabei zu Bruch. Das tat dem Spaß keinen Abbruch, und wir bauten fröhlich zu
dritt ihr Zimmer auseinander. Schließlich hatte ich ihr versichert, daß ich
alles wieder in Ordnung bringen würde.
Mit den beiden Mädels als Handlangern war ich der unangefochtene
Handwerkerkönig und wurde bei allen Fragen von "Was macht das Kabel da?" bis
"Soll der Schrank dahin?" zu Rate gezogen. Derart gebauchpinselt zu werden
steigert mein Selbstvertrauen natürlich immer erheblich.
Bei ihrer Freundin war noch weniger Vorarbeit geleistet worden, unter großem
Hallo stopfte ich ihre Kleider irgendwie in irgendwelche Kartons, weil mir
ihre gefaltete Sortiererei viel zu lange dauerte. Möbel hatte sie zum Glück
weniger, und den Rest wollten wir vor Ort kaufen.
Ihre Mutter gab mir eine Menge guter Ratschläge und einen Picknickkorb mit
auf den Weg. So fuhren wir bestens gelaunt nach Frankfurt. Es war die große
Zeit nach dem Abitur, in der ich die Namen der Wochentage vergaß, weil sie
keine Bedeutung mehr hatten, sich im Lauf der Zeit verwischten. Es muß aber
ein Wochentag gewesen sein, denn wir kamen ohne Stau an. Und heiß war es,
denn der Fahrtwind verwirbelte die kurzen Locken ihrer Freundin, und zog ihr
die langen, blonden Haare, die einer Rapunzel oder einer Shampoowerbung
würdig sind, aus dem Seitenfenster. Ich trug wie immer schwere Stiefel und
abgeschnittene Bundeswehrhosen, meinen Werkzeuggürtel legte ich zum Zeichen
meiner Würde auch zum Fahren nicht ab. Die Blonde trug die schwarzen
Stoffhosen, die überaus eng, modern und ungünstig für gebückte Arbeiten
sind, und die mich manche Unterrichtsstunde vor meinen Augen vom Schlafen
abgehalten hatten. Als sie irgendwann nicht mehr vor, sondern neben mir saß,
hatte ich mich an ihrem Rücken noch längst nicht sattgesehen und durfte der
täglichen Wanderung meiner Augen ihr Profil hinzufügen, ihren leicht
geöffneten Mund, wenn sie schrieb und mit der Zungenspitze an den
Schneidezähnen spielte. Oder ihre ein wenig verkniffenen Augen mit den
unendlich langen Wimpern, wenn sie aus Eitelkeit keine Brille trug und
versuchte, von der Tafel zu lesen. Meist schrieb sie dann bei mir ab. Wir
verstanden uns prächtig, und nach einigen Sticheleien und einem raschen
Zirkelhieb ihrerseits ließen wir ihre Pferde und meine Rindviecher aus
unseren Gesprächen. Manchmal saßen wir nebeneinander und unterhielten uns so
angeregt, daß wir anfingen, die Haltung des Anderen zu kopieren. Stützte sie
ihren Kopf auf den Arm, begann ich an meinem Füller zu kauen. Schob ich
meine Brille hoch, strich sie sich das Haar hinters Ohr.
Wir lernten gemeinsam Physik, machten gemeinsame Referate, um ihre Note in
Englisch zu heben und schauten in ihrem Wohnzimmer Horrorfilme, die uns
beiden nicht gefielen.
Ich fuhr also, und die Damen lasen die Karte. Bis Frankfurt fand ich ohne
Probleme, die Mädels suchten derweil im Europateil nach Stränden in Spanien
und Bergen in Österreich. Die Wohnung in irgendeiner dieser Trabantenstädte
zu finden gestaltete sich schon schwieriger, da die beiden zur Besichtigung
mit dem Zug gefahren waren und natürlich die Strecke nicht kannten. Ein
Anruf beim Vermieter brachte uns zumindest in die richtige Richtung, wenn
auch die Straßen immer enger und voller Verbotsschilder waren. Einbahnstraße
hin oder her, Dreißig-Zone sowieso, überall parkten Autos am Straßenrand.
Mehr als einmal mußte ich uns rückwärts aus engen Gassen befreien, nur mit
einem Außenspiegel, der kurz zuvor noch zur viel wichtigeren Kontrolle des
Teints verstellt worden war. Auf einmal standen wir in der richtigen Straße,
fast ohne unser Zutun, wie es schien. Ich klopfte auf den Warnblinkschalter
und wir setzten uns im zukünftigen Wohnzimmer auf den Boden, und tranken den
mitgebrachten Kaffee aus einem Becher und verhafteten die belegten Brötchen.
Die Schwarze rannte noch einmal nach unten und kramte den Ghettoblaster aus
dem Wagen. Ausgelassen und fröhlich tanzten die beiden vor dem mannshohen,
rahmenlosen Spiegel im Flur, während ich den Rest der Wohnung in Augenschein
nahm.
Und ich sah ausgebrochene Lichtschalter, blanke Kabel an der Decke und
überall die Umrisse der Möbel des Vormieters an den Wänden. Im Bad hatten
einzelne Fliesen Risse, das Parkett in den Zimmern war zerschrammt und matt.
Ich riß also die Damen aus ihrem Freudentaumel über die erste eigene Wohnung
und sagte Generalrenovierung an. In weiser Voraussicht hatte ich beinahe
meinen kompletten Werzeugsatz dabei, und schrieb den Mädels eine
Einkaufsliste für den Baumarkt. Dessen Standort konnten sie beim Nachbarn
erfragen, und machten sich sofort mit der Straßenbahn auf den Weg. Nachdem
wir den Nachbarn schon belästigt hatten, konnte er uns genausogut auch
einfach helfen. Entweder gefiel ihm mein Dialekt oder die Aussicht auf ein
Essen mit den Mädels, denn er war bereitwillig einverstanden, mir zu helfen.
So schleppten wir also Möbelteile und Kisten in den vierten Stock unters
Dach. Nach meiner Planung packten wir alles ins Wohnzimmer, um die anderen
Räume ungehindert herrichten zu können.
Die Mädels tauchten auf, hatten Lampen dabei und Farbe, über die ich nur den
Kopf schütteln konnte, beinahe alles bekommen, was ich aufgeschrieben hatte
und außerdem im Baumarkt einen Wagen gestohlen, um ihr Zeug überhaupt
transportieren zu können. Den Nachbarn wickelten die Mädels um den Finger
und hatten den ersten Freund schon gefunden, ohne überhaupt erst eingezogen
zu sein. Leider mußte er dann zur Schicht, und ließ mich und meine Mägde
allein.
Ich begann die nötigsten Reparaturen und die Damen überlegten, welche Möbel
wohin kommen sollten, welche Farben und Formen zueinander passten und ob das
Wohnzimmer überhaupt Wohnzimmer bleiben sollte.
Spät in der Nacht verzog sich der letzte Staub der kleinen Hilti, und der
Farbgestank zog langsam durch die offenen Fenster nach draußen, damit alle
etwas davon hatten. Und wir waren noch lange nicht fertig, konnten aber beim
besten Willen nicht mehr. Nach einiger Telefoniererei war klar, daß der Lkw
und ich noch mindestens einen Tag hierbleiben würden, und wir begannen, auf
der Suche nach etwas Eßbarem die Stadt unsicher zu machen. Zurück in der
Wohnung standen wir vor dem Problem, daß so gut wie alle Möbel vor den
Kisten lagen, und uns dreien nur eine Matratze zur Verfügung stand, die ich
in einer Ecke des Wohnzuimmers abgestellt hatte. Die Blonde holte zwei
Decken aus dem Lkw, der auf einem Parkplatz vor einem Supermarkt in der Nähe
abgestellt worden war. Wir schauten uns an, und wie ein Blitz überfiel uns
gleichzeitig die Erinnerung an ein lange zurückliegendes Fest, das für ein
paar Austauschschüler ausgerichtet worden war, und bei dem wir uns zu fünft
im dunklen Nebenzimmer auf einer Matratze gebalgt hatten, weil angeblich
alle schlafen wollten, aber ständig Kichern aufkam, wenn jemand sich
bewegte. Vor Lachen noch japsend ging ich zur Tür und löschte das Licht. Im
Dunkeln entkleideten wir uns weitestgehend, und ich schickte ein Stoßgebet
zum Herrn, jetzt keine Wolke vor den Vollmond zu setzen, der zum Fenster
hereinsilberte.
Ich stieß mir an einer Kante noch den Fuß und erntete nur Gekicher. Zu müde
und außerdem zu sehr in der Unterzahl, um mich gegen die Mädels zu wehren,
ließ ich mich auf die Matratze fallen, und ließ die beiden weiterflüstern
und -kichern. Ich zog ein wenig an der Decke, bis meine Füße unten
herausschauten, und sich vier Eisklötze an meinen Beinen wärmten. Ich
verfluchte mich und beschloß, mit meinen Armen, die ich bis dahin an mich
gepresst hatte, etwas Besseres anzufangen, und legte sie um jeweils einen
der Schöpfe, die ich aus den Augenwinkeln im Halbdunkel erkennen konnte.
Keine Hand wanderte über meine nackte Brust, aber immerhin beschwerte sich
auch niemand. Ich beschloß, dies als Teilerfolg zu werten. Als wenig später
meine Beine schon gefühllos wurden und ich mich damit abfand, diese Nacht
nicht zu schlafen, quiekte es neben mir. Ich ruckte mit dem Kopf zur Seite
und meine Nase dockte unsanft an etwas Weichem an, das gleich darauf feucht
und überaus hart wurde, und schmerzte. Die zum Schmerz zugehörige Dame
nuschelte, ich solle gefälligst meine Nase aus ihrem Mund nehmen, worauf ich
ebenso undeutlich erwiderte, das sei mir nur möglich, wenn ich entweder
einen Teil davon zurücklassen würde, oder sie ihr Raubtiergebiß etwas öffnen
würde. Die Ruhe löste sich im Gelächter auf, und wir setzten uns auf. Ein
Telefon leuchtete auf, und schwebte zur Tür. Ich fragte mich, wo es
versteckt gewesen war, fand aber nicht den Mut, zu fragen, ob
Damenunterwäsche mit Telefontaschen ausgerüstet sei. Das Licht ging an, und
der Wuschelkopf verschwand in der Küche. "Was hat sie denn vor?" fragte ich,
und ließ mich zurückfallen. Etwas klirrte draußen. "Na klar - der Sekt!"
rief es neben mir, und ich fand mich alleine auf der Matratze wieder. Bis
ich mich seufzend hochgewuchtet hatte, war ein Paar nackter Beine bereits im
Flur verschwunden. Ich sinnierte, ob ich an meinem Verstand oder lieber an
dem der Mädels zweifeln sollte, und entschloß mich, einfach abzuwarten.
Kurz darauf tappten Füße durch den Flur, und die Mädels standen wieder da,
bepackt mit einer Riesenflasche Sekt. Wir setzten uns auf die Matratze und
ließen sie kreisen. "Auf die Wohnung!" tranken wir, und auf den Handwerker,
auf Studium und auf das Leben an sich.
Stunden später lagen wir genauso da, wie es damals gewesen war, das Licht
blieb an, einen der Eisklötze begann ich mit der Hand zu wärmen. Ein
vorwitziges Haar stieß mir in die geplagte Nase, und ich pustete es
vorsichtig weg. Das gefiel, also pustete ich weiter auf das Ohr, das
halbverborgen in Reichweite war. Es zuckte leicht, und überglücklich pustete
ich erneut. Eine Hand hob sich aus dem Gewühl, tastete nach meinem Gesicht,
und kniff mich in die Nase. Dann blieb sie auf meinem Gesicht liegen, ich
spürte einen Ring auf meiner Wange. Damit schlief ich ein.
Und mit einem Abdruck des Rings erwachte ich am Morgen, geweckt von
Kaffeeduft und dem Rascheln einer Brötchentüte.
Die nächsten zwei Tage machten wir die Behausung wohnlich. Die Pinsel
schwangen, die Hilti rotierte, Sicherungen flogen und wurden wieder
reingedrückt. Und über dem ganzen Staub und Dreck lag das Gelächter der
beiden, das so himmlich klang, daß ich einmal unter der Spüle im Schrank
unmöglich verrenkt hing, innehielt, um zu lauschen, wie die beiden die Wände
und sich gegenseitig strichen. Wir saßen abends am Küchentisch, redeten über
das Leben und die Zukunft, tranken Amaretto-Apfel und Wodka-Kirsch-Orange.
Und mehr als einmal sangen wir Tom Pettys "Into the great wide open", und
langsam wurde uns allen bewußt, daß die Verbissenheit des letzten
Schuljahres, das Durchhalten und Weitermachen endlich abgeschüttelt werden
durfte. Alles war möglich, wir unendlich groß und sicher. The sky was the
limit.
Ich wollte irgendwann noch einige Borde im Bad anbringen, weil bei zwei
Damen mindestens ebensoviele Quadratmeter Abstellfläche für alle Wunder der
Schönheitsindustrie nötig sind. Und statt des langweiligen Weiß hatte ich
Spanplatten mit Kieferfurnier sägen lassen. Da stand ich also im Flur, das
zukünftige Bord zwischen die Knie geklemmt, und setzte mich mit dem
Furnierband auseinander. Das muß aufgebügelt werden, und danach an den
Seiten abgeschnitten. Ein Bügeleisen? Hatten die Mädels, gar kein Problem.
Ein alter Lappen? Nicht einmal Geschirrtücher waren da, die Handtücher zu
edel und ich ratlos. Ich hatte beim Umzug nicht mit einem Aufenthalt
gerechnet und konnte mein einziges Hemd nicht entbehren. Die Mädels sahen
die Uni als Laufsteg, und hatten nur Kleider dabei, ohne die irgendeine
Kombination ausfallen würde. Es war dunkel, die Nachbarn sicher im Bett, ich
wollte an dem Abend noch nach Hause fahren, weil der Lkw am Tag darauf
benötigt wurde.
Die Blonde verschwand in ihrem Zimmer, und tauchte mit etwas Schwarzem in
der Hand wieder auf. "Für Dich." Ich faltete das Knäuel auf, und starrte
durch den winzigen Stoffetzen entgeistert die Blonde an. Die beiden lachten.
Ich machte mich an die Arbeit, bügelte das Furnierband auf, und brachte die
Borde an.
Wir räumten noch ein wenig auf, ich sammelte meine Werkzeuge ein, und wurde
bis zum Wagen begleitet. Einladungen und Umarmungen schwirrten, der Abschied
leuchtete so sehr wie die letzten drei Tage geleuchtet hatten, hell im
Dunkel der Erinnerung. Eine Hand fuhr kurz in eine meiner Taschen. Das helle
Gelächter der beiden verstummte, als ich die Tür zuschlug, und schwoll
wieder an, als ich das Fenster herunterkurbelte.
Als ich davonfuhr blitzte der Ring an der winkenden Hand und spiegelte das
Licht des Mondes oder das der Laterne. Ich rieb mir über die Wange, wo das
Mal verblasst war. Wenn ich ganz vorsichtig mit der Fingerkuppe
darüberstrich, meinte ich, es spüren zu können. Ich legte die Hand wieder
ans Lenkrad.
Auf der Autobahn faßte ich in meine Tasche, und zog das Stückchen schwarzen
Stoffs heraus, das ein wenig angesengt roch, trotzdem weich und angenehm
war. Ich knüllte es zusammen und schob es wieder ein. Ich lächelte
vorsichtig, es schmerzte nicht. Ich versuchte es noch einmal, lachte dann.
Die vorbeischießenden Scheinwerfer ließen Lichtspuren über mein Gesicht
huschen, die ich beinahe spüren konnte.
Auf welche Geschichten man stößt, wenn man beim Aufräumen im Schrank einen
Streifen Furnierband in Kiefer findet. Und dabei hatte ich nur aufgeräumt,
um mich ein wenig abzulenken.
Morgen wird sie beerdigt. Hier, wie sie es sich gewünscht hat.
The sky was the limit.
0 Comments:
Kommentar veröffentlichen
<< Home