22.4.05

Yeah, baby


Heute hatte ich in Stuttgart etwas Zeit, bevor mein Zug abfuhr. Ich schlenderte also die Königstraße hinauf und hinab und freute mich am Unterschied zwischen Sonne und Schatten. Trotz aller Trödelei war ich zu früh am Bahnhof, und schaute eben noch in den Zeitschriftenladen. Eigentlich suchte ich nach einem Hifi-Magazin, das mir endlich befehlen würde, die nubox400 zu kaufen. Aus irgendeinem Grund zog ich die aktuelle Nummer des "Rolling Stone" hervor, in der die Geschichte von Bob Dylans "Like a rolling stone" und die "500 besten Songs aller Zeiten" zu lesen waren. Ich hatte noch nie einen "Stone" in der Hand, aber Lust und Zeit dazu.
Mit meinem Magazin, dessen Titel ich der Lesbarkeit halber nach außen trug, der offenen Lederjacke, unter der ich das enge schwarze Hemd trug, das ich gottverdammich ohne die Silhouette von Marta Jandova und dafür mit dem Spruch "lying in my bed in the sun, it´s a beautiful morning - Die Happy" gekauft hatte, mit der hellen Jeans mit Schlag, den schwarzen Lederschuhen, frisch frisiert und mit Anderthalbtagebart, kam ich mir wie ein Profi vor. Ich hatte keine Ahnung, auf welchem Gebiet ich professionell sein sollte, aber ich war es. Ganz ehrlich. Also eher doch wie ein BWL-Student. Daß mein Schritt fest und federnd war und ich aus dem Bahsteig einen Catwalk machte, versteht sich von selbst.
Für alle Nichtprofis: Ich hatte keinerlei Drogen außer Kaba. Kaba rockt.
Nur mein Schülerrucksack trübte das professionelle Bild ein wenig, und ich beschloß, diesen bei nächster Gelegenheit durch einen Fliegerkoffer, einen Matchsack, oder was auch immer auszutauschen.
Beim Einsteigen konnte ich mich selbst gerade noch von einem "Yeah, baby, gut siehst Du aus", abhalten, als mein Spiegelbild in den Scheiben der Türen an mir vorbeiglitt. Sollten das doch die anderen sagen. Nicht verkneifen konnte ich mir James Deans Griff in die Haare, der von einem unangenehm klebrigen Gefühl an der Hand gefolgt wurde, weil ich mal wieder billigen Haarfestiger gekauft hatte. Verdammt. Genaugenommen hat den sogar meine Mutter gekauft.
Ich streckte mich also wieder aus der etwas zusammengesunkenen Position, die meine tiefsinnigen Gedanken begleitet hatte, auf meine Zweimeterzehn. Sixfeetfour. Universal soldier. Brust raus, Bauch rein, Daumen in den Gürtel gehakt.
Ich marschierte durch den Zug auf der Suche nach einem Sitzplatz. Ach was, ich schwebte. Der Boden wagte es nicht, meine Sohlen zu berühren. Tut er sonst nur, wenn ich schwerst betrunken bin. Aber jetzt keine solchen Gedanken, Kichern ist schließlich uncool. In einer Zweierreihe saß A., ein ehemaliger Klassenkamerad von mir. Ich habe ihn sicher zwei Jahre nicht gesehen, aber er hat sich nicht verändert. Schwarz, Baseballjacke und Baketballtrikot, Hosen für zwei und in den Kniekehlen hängend. Leider hatte er keine Kappe auf, und die auch nicht schräg. Werde ich ihm bei Gelegenheit unter die Nase reiben. Unvollständige Ausstattung, wie unprofessionell. Tsts.
"Ist bei Dir noch frei." sagte ich entspannt und ohne Fragezeichen. Profis fragen nicht. Ich setzte mich zu ihm, und verfluchte diese engen neuen Züge, in denen ich meine langen Beine nicht ausstrecken kann, sondern zum schulbubenhaft anständigen Sitzen gezwungen werde. Ich werde die Bahn wegen Rufschädigung verklagen, jawollja.
Professionell wie wir waren, wechselten wir ein paar Worte. Dann vertiefte er sich in seine "Juice" und ich mich in meinen "Stone". Yeah, baby. Leider hatte er den Fensterplatz, und konnte ein Bein hochnehmen. Ich schlug ein Bein über das andere und war wahnsinnig professionell.
All die jungen Dinger starrten uns an, den angehenden Fitnesskaufmann und den Helden, der an die verliebten Blicke der Mädels gewöhnt ist. Noch einmal; yeah, baby.
Wir verabschiedeten uns per Handschlag, Daumen wieder in den Gürtel und der Mittelgang im Zug wurde zur staubigen Haupstraße aus "High noon". Ich kniff die Augen zusammen. Und das Gesäß. Sauberer Auftritt, Gratulation vom Regisseur. Yeah, baby. Ich werde anfangen zu rauchen. Aber zuhause, bis der Anfängerhusten aufhört.


Lächelnd bei dem Gedanken über das Bild, das der Gangster und der Nachwuchsyuppie im Zug ergeben hatten, stieg ich aus in den Sonnenschein. Ich dachte daran, daß wir uns über ehemalige Klassenkameraden unterhalten hatten, über seine Ausbildung, über meine Prüfungen. Nicht über die Puppe von gestern, die Millionen von morgen.

Aber wir üben ja noch.

Yeah, baby.